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20Apr

Ein Querdenker mit vielen alternativen Ideen

Aus dem Gelnhäuser Tageblatt vom 20.April 2012

„Alte Kinzigtaler erzählen“: Holger Sommer plaudert aus dem Nähkästchen – Einst Bürgermeister Thorsten Stolz unterrichtet – „Kinzig-Taler“ in Planung

GELNHAUSEN (cra). „Ich bin viermal „Rat“, schmunzelt Holger Sommer, „nämlich Oberstudienrat, Stadtrat, Aufsichtsrat der Stadtentwicklungs-gesellschaft und Verwaltungsrat der Kreissparkasse.“ Außerdem ist er noch als Schöffe beim Amtsgericht tätig. 1990 kam Holger Sommer im Alter von 36 Jahren nach Gelnhausen, um eine Beamtenstelle als Studienrat für die Fächer Politik undWirtschaftslehre an den Beruflichen Schulen anzutreten.

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Holger Sommer: Gelnhausen ist sein Zuhause, aber nicht seine Heimat.Foto: Raab

„Davor war ich immer froh, wenn ich keine feste Stelle angeboten bekam, denn lange, weite Reisen zu allen Kontinenten waren mir wichtiger“, bekennt der Politiker der Grünen. „Doch mit fortgeschrittenem Alter war ich doch interessiert, als ich damals gleich zwei Lehrerstellen angeboten bekam, eine in Nordrhein-Westfalen und eine in Gelnhausen. Bei einem ausführlichen Vorstellungsgespräch mit dem damaligen Schulleiter Gerhard Benzing habe er sich für Gelnhausen entschieden, nachdem ihm klar geworden sei, dass er in dieser Schule seine pädagogischen Ziele verwirklichen könne. Außerdem lag Gelnhausen näher an seiner Heimatstadt Kassel. Sommer: „Wenn mich heute jemand nach meiner Heimatverbundenheit fragt, antworte ich: Gelnhausen ist mein Zuhause, aber nicht meine Heimat.“

In Gelnhausen, wo er seit 2000 bei Bündnis 90/Die Grünen aktiv ist, hat Holger Sommer Einfluss auf die politische,soziale und kulturelle Entwicklung der Stadt genommen. Und das nicht nur im Magistrat und in der Stadtverordnetenversammlung, sondern auch mit verschiedenen sozialen, ökologischen, alternativ-ökonomischen und kulturellen Projekten, die er initiiert hat. „Ich habe grundsätzlich ein antikapitalistisches Verständnis von Gesellschaft“, klärt der Oberstudienrat auf. „In diesem Sinne hat mich schon immer die Frage fasziniert: Wie können Menschen zueinanderfinden und gemeinsam von unten etwas verändern, was ihnen bisher geschadet und negativ beeinflusst hat? Bei gemeinsam erfolgreich ausgeführtem Handeln bekommt der einzelne die Möglichkeit, durch Steigerung des Selbstwertgefühls sich selber als Subjekt wahrzunehmen“, informiert er weiter und zitiert seinen Leitspruch von Theodor W. Adorno: „Die fast unlösbare Aufgabe im Leben besteht darin, sich weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.“
 
Außerdem habe ihn der Kollektivgedanke fasziniert. So hatte Holger Sommer bereits 1982 im Kollektiv mit 13 Leuten im Rahmen der „documenta“ in Kassel ein Biergartenprojekt für 100 Tage durchgeführt. „Wir waren damals alle sehr, sehr erfolgreich und haben außerordentlich gut verdient. Joseph Beuys und andere namhafte Künstler waren ständig Gäste und haben Werbung für uns gemacht“, erinnert er sich schmunzelnd. Sommer: „Im Kollektiv waren Schüler, Studenten und Arbeitslose organisiert und jeder hat zu jedem Zeitpunkt für alles Verantwortung übernommen.“
 
Als 1996 in der Gaststätte „Zur guten Quelle“ ein Pächterwechsel anstand, wollte Holger Sommer gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen und seiner damaligen Ehefrau Dorothee Köhler seine Kasseler Gastronomieerfahrungen als Schülerprojekt umsetzen und Gelnhausen um einen sozialen und kulinarischen Treffpunkt bereichern. Die „Quelle“ sollte bei niedriger Preiskalkulation ein „offenes Wohnzimmer“, ein Ort der Begegnung zum politischen Austausch und für kulturelle Veranstaltungen werden. Über eine Anzeige wurde der Koch René Heide gefunden. „René passte sehr gut in unser Konzept. Er wollte noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag und sagte: Wenn wir gut zueinander passen, dann bleibe ich. Wenn ihr komische Sachen macht, bin ich weg.“
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Gelnhausens jetziger Bürgermeister Thorsten Stolz (Mitte) war einst ein Schüler von Holger Sommer. Damals führte er ein Interview mit dem jetzigen Landrat Erich Pipa (rechts), das für ziemlich viel Wirbel sorgte. Foto: red

René Heide machte die „Quelle“ für ihre Küche berühmt, und manche Gelnhäuser erinnern sich noch heute an seine legendären „Fish and Chips“.Als kollektives Schüler-Lehrer-Projekt scheiterte das Gasthaus jedoch nach relativ kurzer Zeit. „Das Kollektivprinzip, dass jeder zu jedem Zeitpunkt Verantwortung für alles zu übernehmen hat, ein idealistischer Aufbruch unserer Generation in den siebziger Jahren, wurde von der nachfolgenden Generation in den Neunzigern nicht mehr verstanden. Hier traf die Idee vom Kollektiv auf individualistisches Verhalten“, resümiert der Oberstudienrat.

Doch Holger Sommer, seine Kollegen und Dorothee Köhler gaben nicht auf, sondern führten das Lokal erfolgreich weiter. „Zur guten Quelle“ wurde ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt, bis das Lokal im Jahre 2000 an neue Besitzer übergeben wurde. René Heide übernahm direkt nebenan den „Schelm von Bergen“ und führte das Wirtshaus im Stil der alten „Quelle“ weiter. Mittlerweile hat auch dieses Lokal seinen Besitzer gewechselt und René Heide gönnt sich eine Auszeit.

1997 gründete Holger Sommer aus einem Unterrichtsprojekt heraus als Alternative zur traditionellen Erwerbsgesellschaft die Zeitbörse „VITA“. Er stieß dabei auf Gleichgesinnte und die Zeitbörse, wo Menschen untereinander Dienstleistungen aller Art austauschen und dabei über Konten ihre aufgewendete Arbeitszeit ohne Geld abrechnen, existiert noch heute. Unter den vielen jungen Leuten, die Holger Sommer bisher ausgebildet hat, war auch Bürgermeister Thorsten Stolz. „Thorsten Stolz kam Ende der neunziger Jahre in der 11. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums in meinen Politik-Kurs. Bei einem Unterrichtsprojekt zum ThemaWasserverbrauch führte er ein Interview mit dem damaligen Sozialdezernenten Erich Pipa, der sich darin sehr negativ über die Stadtwerke äußerte und sie als Räuber bezeichnete. Später, als die Schülerarbeiten zum Thema Wasser/Wasserverbrauch in den Räumlichkeiten der Stadtwerke ausgestellt werden sollten, weigerten sich diese, das Interview zu veröffentlichen und drohten damit, andernfalls die Ausstellung platzen zu lassen. Für mich kam das einer Zensur gleich, aber die meisten Schüler, außer Thorsten Stolz waren dafür, das Interview nicht zu veröffentlichen. Wir haben uns darauf verständigt, das Interview in der Cafeteria der Beruflichen Schulen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und in der Ausstellung bei den Stadtwerken darauf hingewiesen“, erinnert sich der Oberstudienrat. Ein Jahr später sei auch Tom Zeller, der später den Vorsitz der CDU im Kreistag übernommen hat, zu ihm in den Politik-Kurs gekommen. Sommer: „Damals kamen zwischen Tom Zeller und Thorsten Stolz noch keine politischen Konfrontationen auf und ich hatte eher den Eindruck, dass Tom Zeller linke Ansätze nicht fremd sind.“

Gemeinsam mit Schülern der Fachoberschule arbeitet Holger Sommer derzeit an einem neuen alternativ-ökonomischen Projekt. In vielen Städten bereits erfolgreich, soll nun auch in Gelnhausen eine Regionalwährung, der „Kinzig-Taler“ eingeführt werden. „Dadurch werden regionale Wirtschaftsstrukturen unterstützt, Produzenten und Konsumenten aneinander gebunden und die Kaufkraft bleibt der Region erhalten.Auf diese Weise kann die ortsnaheVersorgung der Bevölkerung bestehen bleiben und die Verödung der Innenstädte gestoppt werden“, klärt der Ökonom auf. Obgleich sich das Projekt noch in den Anfängen befände, sei es bei einigen Geschäftsleuten in Gelnhausen und Wächtersbach bereits auf offenen Ohren gestoßen, berichtet er abschließend.

Verfasst am 20.04.2012 um 12:34 Uhr von .
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